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Spielen Online-Musikschulen bald die erste Geige?

Online-Musikschulen: Eine günstige Alternative zum klassischen Musikunterricht?
Online-Musikschulen: Eine günstige Alternative zum klassischen Musikunterricht?

Unser Preis-Leistungs-Check: Kleiner Preis, große didaktische Schwächen

Flexibler Unterricht bequem von zu Hause und das auch noch unschlagbar günstig: Mit attraktiven Preisen von weniger als 10 Euro pro Monat locken zahlreiche Online-Musikschulen vor allem Kinder und Jugendliche. Eine günstige Alternative zur klassischen Musikschule oder Privatlehrer also? – Ein Trugschluss, wie sich zeigt.

Die Musikschule 2.0

Wer heutzutage ein Musikinstrument erlernen will, braucht sich nur vor den heimischen PC zu setzen, eine der zahlreichen digitalen Musikschulen auszuwählen und schon kann es mit dem Klavier- oder Gitarrespielen losgehen. Doch welche Vorzüge bietet das gegenüber dem herkömmlichen Instrumentalunterricht und wie funktioniert der Online-Musikunterricht überhaupt?

Die Vorteile des digitalen Musiklehrers

Jimi Hendrix’ Gitarrenriffs Konkurrenz machen, den angesagten Chart-Hit auf dem Klavier nachspielen oder ganz traditionell ein Ständchen auf der Geige anstimmen: Fast jeder Dritte in Deutschland hegt den Wunsch, ein Musikinstrument spielen zu können1. Doch nicht nur das zeitintensive Üben, auch die hohen Preise schrecken viele Musikbegeisterte schnell wieder ab. Allein in Berlin kostet eine Unterrichtsstunde in einer Musikschule im Durchschnitt 46 Euro2. Im Vergleich dazu bieten Wettbewerber wie Musikschuleonline.com, Openmusicschool.de und Co. den Klavier- oder Gitarrenunterricht schon ab 9,99 Euro im Monat an – ein verlockendes Angebot.

Neben dem attraktiven Preis liegen die weiteren Vorteile des digitalen Lernmodells – ähnlich wie bei der Online-Nachhilfe – klar auf der Hand: Keine Anfahrtswege, freie Zeiteinteilung, Lerneinheiten können beliebig oft wiederholt werden und auch die Auswahl an Musikinstrumenten, die erlernt werden können, scheint auf den ersten Blick riesig. Das breite Angebot reduziert sich beim näheren Betrachten allerdings schnell auf die Klassiker wie Klavier, Gitarre oder Bass. Ausgefallenere Instrumente wie Harfe oder Dudelsack werden nur vereinzelt von den digitalen Musikschulen angeboten.

So funktioniert der Online-Musikunterricht

So funktioniert der digitale MusikunterrichtIn ausführlichen Lernvideos werden nach der Anmeldung Schritt für Schritt einzelne Übungen oder ganze Musikstücke erklärt, die beliebig oft wiederholt und vorgespielt werden können. Darüber hinaus stehen dem Schüler oftmals Zusatzmaterialien wie Notenblätter, Hörbeispiele und weitere Anleitungen zur Verfügung. Der Großteil der Anbieter von digitalem Musikunterricht setzt vornehmlich auf Video-Tutorials. Nur wenige Portale wie Musikschuleonline.com bieten Einzelunterricht per Webcam und Messenger an.


Der Preis-Leistungs-Check: Für 9,99 Euro vom Laien zum Musikgenie?

Insbesondere durch die attraktive Preisgestaltung grenzt sich der digitale Musikunterricht deutlich von den klassischen Musikschulen ab. Doch welche Leistung kann man für weniger als 10 Euro erwarten?

Online-Musikschulen im Preis-Leistungs-Check


Im Vergleich zu den Durchschnittskosten für eine Unterrichtseinheit in einer herkömmlichen Musikschule können Schüler bei den digitalen Angeboten mit einer Ersparnis von circa 40 Prozent rechnen3. Dank Vorzügen wie Familien-, Mehrfächer- oder auch Treuerabatten, die beim Abschluss einer Mitgliedschaft angeboten werden, lässt sich zusätzlich noch einmal kräftig sparen. Die Vertragsdauer variiert dabei von wenigen Monaten bis hin zu Jahresverträgen und kann entsprechend der eigenen Bedürfnisse gewählt werden. Da Leistungsumfang und Preisstruktur von Plattform zu Plattform jedoch sehr unterschiedlich ausfallen, lässt sich pauschal keine Aussage darüber treffen, welches Angebot das lohnenswerteste ist. Dies muss jeder Schüler anhand seiner individuellen Bedürfnisse für sich selbst prüfen und entscheiden.

Um einen ersten Eindruck des Unterrichts zu geben und die Entscheidung für das richtige Instrument zu erleichtern, bieten die meisten der digitalen Lernplattformen Gratisvideos an. Diese eignen sich jedoch hauptsächlich dazu, die Lehrmethode kennenzulernen, da das Instrument vom Schüler selbst besorgt werden muss. Eine Beratung zum Instrumentenkauf oder Verleih von Geige, Klavier und Co. erfolgt kaum. Die Plattformen verweisen hierfür auf passende Onlineshops. Kritisch anzumerken sind an dieser Stelle besonders im Hinblick auf die jüngeren Schüler die dazugehörigen Werbeeinblendungen, die mit einer passenden Kinderschutzsoftware jedoch ausgeblendet werden können.


Klassischer Musikunterricht gibt nach wie vor den Ton an

So verlockend die Preise und das Angebot auf den ersten Blick auch wirken: Bei zwei für das Erlernen eines Instruments elementaren Voraussetzungen können die Onlineplattformen noch nicht mit herkömmlichen Musikschulen mithalten:

1. „Der Lehrer kann nicht Hand anlegen.“

Rhythmusgefühl, die richtige Intonation oder eine fehlerfreie Technik lassen sich per Webcam oder Lernvideo nur schwer vermitteln, wie Winfried Baumbach, Geschäftsführer der Akademie für Musikpädagogik e.V., bestätigt. „Selbst wenn der Schüler direkt mit seinem Lehrer über das Netz sprechen kann, kann der Musiklehrer über diesen Weg nicht Hand anlegen und die Instrumentenhaltung oder auch die Atmung berichtigen“. Das Korrigieren von Fehlhaltungen bleibt so auf der Strecke, was langfristig zu Problemen im weiteren Lernprozess führen kann. Selbst beim Einzelunterricht per Video-Chat ist es für den Lehrer schwer, den richtigen Raumklang zu beurteilen oder den künstlerischen Ausdruck optimal zu fördern – ein Umstand, der von der Klangverzerrung durch Mikrofon, Kopfhörer oder Boxen zusätzlich verstärkt wird.

2. „Didaktisch nicht geeignet.“

Da der direkte Kontakt zum Musiklehrer fehlt, bleiben Fragen des Schülers oft unbeantwortet. Unmittelbares Feedback und Lob, welche enorm zum hörbaren Lernerfolg von Kindern und Jugendlichen beitragen, bleiben meist aus. Vor allem Schüler, die ausschließlich mit Hilfe von Lernvideos üben, sind dadurch deutlich benachteiligt. „Beim Erlernen eines Instruments sind die dauernde Rückmeldung und die persönliche Förderung durch den Lehrer enorm wichtig. Selbst Erwachsene benötigen einen zeitlichen Druck und Kontrolle durch eine zweite Person“, erklärt Winfried Baumbach.

Das Erlernen eines Instruments allein über Lernvideos ist nicht möglich.

- Winfried Baumbach, Geschäftführer der Akademie für Musikpädagogik -

Erste Ansätze, diesen Nachteil zu überwinden – etwa durch das Aufnehmen und Einsenden von Videos, die den Schüler beim Üben mit seinem Instrument zeigen – scheitern derzeit noch am wenig persönlichen Modell der digitalen Musikschulen: Statt individueller Betreuung stehen die Videokurse einer Vielzahl von Schülern zur Verfügung. Allerdings hat jeder Schüler unterschiedliche Bedürfnisse und benötigt darauf abgestimmte Hilfestellungen. Auch die Begeisterung für das Instrument und die Motivation durch den Musiklehrer, die ein wichtiger Begleiter im Musikunterricht sind, können selbst durch den Austausch per Webcam nur eingeschränkt transportiert werden.  

 

Spielend einfach: Für wen lohnt sich’s?

Die Mehrheit der Anbieterseiten richtet ihr Angebot vorwiegend an Anfänger im Kindes- und Jugendalter, die ein Instrument erlernen wollen. Aufgrund der Tatsache, dass deutliche Mängel in der pädagogischen sowie inhaltlichen Konzeption des digitalen Musikunterrichts erkennbar sind, macht die Ansprache dieser Zielgruppe jedoch weniger Sinn. „Die Grundlagen müssen sauber, dem Alter und Können des Schülers entsprechend vermittelt werden. Online-Musikschulen können dies kaum leisten“, fasst Baumbach zusammen.

Außerdem: Wer sich neue Musikstücke selbst erschließen will, kommt um das Notenlernen nicht herum. Dieses ist jedoch bei vielen Anbietern nicht im Lehrplan vorgesehen, was den Musikschüler auch in Zukunft abhängig vom digitalen Lehrer macht. Bevor also ein Abo bei einer der unzähligen Online-Musikschulen abgeschlossen wird, sollten kostenlose Angebote wie YouTube-Channels getestet und bei klassischen Musikschulen gezielt nach Aktionspreisen und kostenlosen Schnupperstunden gefragt werden.

 Top-3-Vorteile von Online-Musikschulen  
 Top-3-Nachteile von Online-Musikschulen  
   +    geringere Kosten
   +    Flexibilität
   +    Wiederholungsmöglichkeit der Lerneinheiten
   −    kein Instrumentenverleih
   −    didaktische Schwächen
   −    geringe Instrumentenauswahl


Dennoch: Online-Musikschulen ermöglichen auch Interessierten mit kleinerem Budget den Zugang zum Musizieren. Vor allem Wiedereinsteiger, die ihre Kenntnisse auffrischen wollen oder Interesse an einem Zweitinstrument haben, profitieren jetzt schon vom Angebot. Schaffen es die Plattformen in naher Zukunft, sich weiter zu professionalisieren und ihr Lernangebot auszubauen, können Online-Musikschulen eine ideale Ergänzung zum klassischen Musikunterricht darstellen. 

Quellen und weiterführende Informationen:

1Society of Musik Merchants e.V./Gesellschaft für Konsumforschung, SOMM-Studie: instrumentales Musizieren in Deutschland 2012 http://www.somm.eu/somm-markt-studien/
2Senatsverwaltung für Finanzen; Berliner Bezirke im Kostenvergleich Haushaltsjahr 2013 https://www.berlin.de/sen/finanzen/dokumentendownload/haushalt/bezirke/wkw13.pdf
3entspricht Vergleich zwischen durchschnittlichen Kosten in Berlin (siehe Quelle 2) und Musikschuleonline.com für 45 Minuten Einzelunterricht

Zitate: Winfried Baumbach, Geschäftsführer der Akademie für Musikpädagogik e.V. (AfMP)

Bilder: AlexRaths©istock (Teaser), SPARWELT (Bild und Tabellen)

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Über Isabel

Essen, Wohnen und Reisen: Das sind die Themen, mit denen sich die Publizistik- und Kommunikationswissenschaftlerin am liebsten auseinandersetzt. An der Schnittstelle zwischen PR und Redaktion hat sie ihre Passion für das Texten bereits unter anderem bei moebel.de und fischerAppelt ausleben dürfen. Seit November 2014 verstärkt die Wahlberlinerin das Sparwelt-Team als Redakteurin im Magazinbereich.

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