Ist das noch Entspannung?

Lies doch mal ein Buch – wenn Binge Watching zur Sucht wird!

Es ist längst kein Geheimnis mehr, dass Streaming-Dienste dem linearen Fernsehen mittlerweile den Rang abgelaufen haben. Vor allem Serien stehen in der Gunst der Zuschauer ganz weit oben. Für jede Vorliebe findet man auf den diversen Plattformen mittlerweile das passende Format: Während einige mit den fortlaufend plappernden Gilmore Girls durch Stars Hollow schlendern, kämpfen andere in The Walking Dead mit Rick Grimes gegen Zombies. Und wieder andere fragen sich, wie oft es dem unverschämt-charmanten Tyrion Lannister noch gelingen wird, seinen Kopf aus den zahlreichen Schlingen zu ziehen, die in Game of Thnes auf ihn warten. Ganz klar: Serien und ihre Hauptfiguren ziehen uns in ihren Bann. Und zwar oft genug so sehr, dass wir es nicht schaffen, abzuschalten und gleich mehrere Folgen hintereinander anschauen. Binge Wachting wird dieses Phänomen genannt und von vielen schon als neue Sucht unserer Zeit verteufelt. Doch ist das wirklich zutreffend? Wir haben für dich genauer hingeschaut.

Was ist Binge Watching?

Binge Watching, das auch unter den Synonymen Komaglotzen oder Serienmarathon seinen Weg in den öffentlichen Diskurs gefunden hat, bezeichnet das Schauen von mehreren Folgen einer Serie am Stück. Während beim linearen Fernsehen üblicherweise nur eine Folge pro Woche ausgestrahlt wird, ist das Binge Watching mit dem Erscheinen der populären Video-on-Demand-Angeboten populär geworden.

Der große Vorteil von Portalen wie Netflix, Amazon Prime oder Sky ist es, dass man sich komplett vom linearen Programm unabhängig machen kann. Während also beispielsweise die „Schwarzwaldklinik“ ihren festen Sendeplatz samstags am frühen Abend hatte, können wir unseren Serienhelden heute quasi immer und überall folgen. So wundert es heute keinen mehr, wenn uns auf einer langen Zugfahrt bei unseren Sitznachbarn alte Bekannte vom Laptop entgegen grinsen.

Was Binge Watching mit deinem Gehirn macht

Kaum hatte das Kind einen Namen, wurde das Phänomen Binge Watching auch schon von allen Seiten beleuchtet und kritisch hinterfragt. Psychologen und Kognitionswissenschaftler haben sich ebenso dazu geäußert wie Schlaf- und Suchtforscher. Und alle wussten zu den Folgen von Binge Watching zu berichten.

Eine im Journal of Clinical Sleep Medicine veröffentlichte Studie belegt beispielsweise, dass Binge Watcher eher mit Schlafstörungen zu rechnen haben, als die Vergleichsgruppe. Das hat wahrscheinlich jeder von uns schon mal erlebt: Die neue Staffel der Lieblingsserie ist so spannend, dass man einfach nicht abschalten kann. Häufig kommt man erst weit nach Mitternacht ins Bett und alleine das sorgt schon dafür, dass die Nacht kurz und der Schlaf entsprechend zu wenig ist. Darüber hinaus kommt es häufig genug vor, dass uns die Storyline einfach nicht loslässt und wir uns aufgewühlt in den Kissen wälzen, statt sanft ins Reich der Träume hinabzugleiten.

Wer mehr sieht, vergisst auch mehr

Eine weitere interessante These aus der Wissenschaft: Binge Watching kann deinem Langzeitgedächtnis schaden. Im Rahmen einer Studie haben Forscher der University of Melbourne zwei Gruppen miteinander verglichen. Ein Teil der Teilnehmer schaute sich wöchentlich eine neue Folge einer Serie an, während der andere Teil die gleiche Serie in einem Rutsch durchgeschaut hat. Das Ergebnis: 24 Stunden nach der letzten Folge konnten sich die Binge Watcher noch deutlich besser an den Inhalt erinnern. Als man die Teilnehmer jedoch nach gut 4 Monaten erneut befragte, hatten die wöchentlichen Rezipienten die Handlung noch deutlich präsenter vor Augen als die Binge Watcher.

Doch warum ist das so? Die Antwort darauf liefert die Kognitionswissenschaft: Wir lernen einfach viel besser und vor allem nachhaltiger, wenn wir das Lernpensum über einen gewissen Zeitraum verteilen. Sicherlich kennst du das auch noch aus der Schule: Einen Tag vor der Klausur geben wir alles, um uns den Stoff reinzuprügeln. Das meiste davon können wir dann auch abrufen, wenn es darauf ankommt. Aber schon ein paar Wochen später ist davon kaum noch etwas übrig. Ein ganz normaler kognitiver Vorgang also und keine Folge von exzessivem Serienkonsum. So sieht das auch Martin Brandt, Dozent für kognitive Psychologie der Universität Mannheim, der Entwarnung gibt: „Unser Gedächtnis ist evolutionär so wichtig, dass es sich von ein bisschen Binge-Watching nicht kleinkriegen lässt.“

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ACHTUNG: Hohes Suchtpotential, Serien bei Netflix

Bin ich süchtig nach meinen Serien?

Es hat natürlich nicht lange gedauert, bis das Binge Watching als neue Sucht diskutiert wurde. Schnell war dabei das Bild des sozial inkompatiblen Serien-Addicts gezeichnet, der die erfundenen Freunde vom Bildschirm den echten vorzieht. Als Flucht aus der eigenen Lebensrealität wurden die Serien ebenso diskutiert wie als feststehende Rituale, in einer Lebenswelt, in der sich sicher geglaubte Bezugspunkte immer schneller auflösen.

Eine Studie, die vom US-Sender Fox in Auftrag gegeben wurde, meinte sogar herausgefunden zu haben, dass die Studienteilnehmer mit körperlichen Entzugssymptomen reagierten, wenn man ihre Lieblingsserie nach einigen Minuten abbrach. Die Probanden hielten die Luft an, ihre Temperatur sank und die Schweißproduktion stieg kurzzeitig an. Müssen wir jetzt also Angst haben, in eine krankmachende Abhängigkeit zu geraten, wenn wir mal wieder kein Ende finden?

Nein, sagt Derik Hermann vom Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim. Die Folgen, die ein exzessiver Serienkonsum auf uns hat, sind nicht vergleichbar mit jenen Veränderungen, die Alkohol- oder Drogenabhängige durchleben müssen. Sein Kollege Rainer Spanagel ergänzt, dass bei der amerikanischen Studie nichts anderes gemessen wurde, als eine ganz normale Enttäuschungsreaktion. Wenn man uns mit einem Teller voller Süßigkeiten den Mund wässrig macht, uns den Teller dann aber wegnimmt, bevor wir zugreifen können, werden die meisten von uns erstmal tief durchatmen. Hiervon auf eine Suchtkrankheit zu schließen halten die beiden Forscher für überzogen.

Fernsehserien als neue Kulturtechnik

Anstatt die neuen Serien für ihr Suchtpotenzial zu verteufeln, könnte man sie auch einfach als neue Kulturtechnik begreifen. Serien wie Die Sopranos oder The Wire haben die bis dahin geltenden Konventionen von Fernsehserien komplett aus den Angeln gehoben und Stories möglich gemacht, die bis dato undenkbar waren. In ihrer Komplexität und Erzähltechnik haben viele Serien mittlerweile ein Format erreicht, das denen großer literarischer Werke in nichts nachsteht. In diesem Sinne lassen sich Serien also durchaus auch als Kunstform begreifen.

Nicht umsonst wurden Die Sopranos in die ständige Ausstellung des New Yorker MoMA integriert. Und auch andere Serien werden in Zeitungen heute meist nicht im Medienteil besprochen, sondern eben im Feuilleton. Gleichberechtigt neben Rezensionen des neuesten Romans von Jonathan Franzen oder Ian McEwan. Nähert man sich dem Thema Serien über diesen Weg, dann ist Fernsehen eine Kulturtechnik, ebenso wie das Lesen. Und hier käme niemand auf die Idee, einer Leseratte ein suchtähnliches Verhalten zu unterstellen.

Also: Gegen einen Serienmarathon am Wochenende ist erstmal nichts einzuwenden. Wenn du irgendwann merkst, dass du über die Charaktere auf dem Bildschirm besser informiert bist als über deine echten Freunde, dann wäre es aber doch mal an der Zeit, wieder vor die Tür zu gehen und echte Menschen zu treffen. Bis dahin: Happy Binge Watching!

7 Serientipps zum Binge Wachting:

Hier findest du eine absolut subjektive Übersicht von Serien, die ich nicht abschalten konnte.

Damages

Die Serie stammt aus dem Jahr 2007, also aus einer Zeit knapp vor dem derzeitigen Serien-Hype. Im Zentrum steht die Top-Anwältin Patty Hewes, gespielt von der unglaublichen Glenn Close, die einem Korruptionsskandal auf die Spur kommt. Folge um Folge dringt man tiefer in die moralischen Abgründe vor und beobachtet dabei eine Skrupellosigkeit, die sprachlos macht.

The Missing

Bis jetzt sind zwei Staffeln dieser Serie erschienen, die inhaltlich jedoch nicht aufeinander aufbauen. Beide Staffeln kreisen um den Kriminalfall eines vermissten Kindes. Auf unterschiedlichen zeitlichen Ebenen werden das Verschwinden sowie die Suche nach den Kindern erzählt. Eine spannende Serie mit vielen Wendungen und bis in die Nebenrollen überzeugenden Darstellern.

The Affair

Schriftsteller Noah reist mit seiner Familie zur Sommerfrische in die Hamptons. Dort verguckt er sich in die Kellnerin Alison und die beiden beginnen eine Affäre. Soweit so üblich. Was jedoch The Affair so besonders macht, ist die wechselnde Erzählperspektive. Eine halbe Stunde pro Episode erzählt Noah seine Version der Geschichte, die andere halbe Stunde ist Alison an der Reihe. Sehr spannend und sehr gut gemacht.

Jordskott – Die Rache des Waldes

Hier bekommst du Krimi- und Mysteryserie in einem: eine psychisch labile Kommissarin, deren Tochter vor Jahren verschwand; eine mysteriöse Infektionskrankheit, die immer weiter um sich greift und für die es keine Heilung zu geben scheint; und eine Natur, die Rache nimmt an den Menschen, die sie jahrelang ausgebeutet haben.

Real Humans

Ein Roboter, der einem die unliebsame Hausarbeit abnimmt und dabei auch noch top aussieht und immer ein Lächeln auf den Lippen hat. Klingt toll, oder? Genau solche Wesen existieren in dem Paralleluniversum, in dem Real Humans angesiedelt ist. Doch was, wenn diese Wesen auf einmal Gefühle entwickeln und Ambitionen zeigen? Genau dieser Frage geht Real Humans auf absolut fesselnde Weise nach.

Mr Selfridge

Eine historische Serie, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts spielt. Im Zentrum steht Harry Selfridge, der das gleichnamige Luxus-Kaufhaus in London eröffnet und groß machen will. Dabei wandelt er auf dem äußerst schmalen Grad zwischen Visionen und Größenwahn. Schon bald beginnt seine Fassade zu bröckeln und gibt den Blick preis auf einen Mann, der an seinem eigenen Traum zu zerbrechen droht.

Les Revenants

In der Nähe eines kleinen französischen Bergdorfs stürzt ein Bus ab. Alle Insassen kommen ums Leben, werden begraben und betrauert. Oder doch nicht? Nach und nach tauchen die Totgeglaubten wieder auf, ohne sich an ihr Sterben erinnern zu können. Jede Folge erzählt die Geschichte eines Rückkehrers, deren Schicksale miteinander verwoben zu sein scheinen. Es gibt ein amerikanisches Remake der Serie, aber ich empfehle aufgrund der dichten Atmosphäre unbedingt das Original.