Wo man Langeweile vergebens sucht.

So gelingt das Leben in einer Patchwork-Familie

„Mein Schatz, wir müssen mit dir reden…“ – Kaum zu beziffern, wie viele Kinder diesen Satz gehört haben, bevor ihre Welt erst mal zusammengebrochen ist. Wenn sich die eigenen Eltern entscheiden, getrennte Wege zu gehen, ist das hart. Findet ein Elternteil oder gar beide neue Partner, die ebenfalls Familie haben, wird das Ganze schnell unübersichtlich – und hat das Potenzial, die Welt erneut aus den Angeln zu heben. Das Leben in einer Patchwork-Familie ist vieles, aber bestimmt nicht langweilig.

Deine Kinder, meine Kinder – unsere Kinder?

In den vergangenen Jahren sind die Scheidungszahlen in Deutschland gesunken. Trotz allem wird laut Statistischem Bundesamt immer noch jede dritte Ehe geschieden. Nahezu die Hälfte aller Geschiedenen hat dabei minderjährige Kinder, die entweder beim Vater oder bei der Mutter leben. Einige Eltern bleiben alleinerziehend – viele verlieben sich neu und lassen einen weiteren Menschen in ihr Leben treten. Manchmal auch weitere Menschen, wenn der neue Partner ebenfalls Kinder in die Beziehung mitbringt.

Was dann entsteht, ist eine sogenannte Patchwork-Familie. Und die sind übrigens gar nicht mal so selten: Etwa jede zehnte deutsche Familie entstand getreu dem Motto „mix and match“. Und dabei gibt es zahlreiche Variationen: Die Mutter bringt Kinder mit, der Vater bringt Kinder mit oder beide bringen jeweils Nachwuchs mit. Durch neue Partnerschaften entstehen also mitunter völlig neue Familien-Konstellationen.

Die Besonderheit dabei: Keine Patchwork-Konstellation gleicht der anderen. Gerade auch die Hintergründe sind ebenso bunt schattiert, wie man sich den Flickenteppich, der dem Familienbild seinen Namen gibt, vorstellt. Während die einen völlig entspannt mit der neuen Situation umgehen, gibt es andere Familien, in denen die Stimmung mehr als gekippt ist.

Patchwork-Chaos oder -Segen?

Wenn aus „deinem“ Kind plötzlich „unser“ Kind wird.

Patchwork ist nie einfach

Ohne Frage: Gerade zu Beginn des neuen Zusammenlebens gibt es innerhalb einer Patchwork-Familie viel Spreng-Potenzial. Mit einem anderen Partner ändert sich für das Elternteil viel – auch das Kind befindet sich in einer völlig ungewohnten Situation. Neben einem neuen erwachsenen Familienmitglied steht vielleicht aufgrund eines Umzugs auch noch ein Ortswechsel an. „Neue“ Familie, neue Freunde, neue Umgebung – da kann die Welt schnell kopfstehen.

Zu viel zu schnell auf einmal ist nie gut. Und das gilt auch auf der zwischenmenschlichen Ebene – und gerade dort. Denn Gefühle sind schneller verletzt, als man denkt. Gut Ding will also Weile haben und hier sind vor allem die Eltern gefragt. Sie sind die Erwachsenen, wissen, was Schmetterlinge im Bauch bedeuten. Sie wissen aber auch, dass ein harmonisches Miteinander nicht von heute auf morgen Einzug hält. Eifersucht, Wut, Zorn – all das sind Emotionen, die je nach individueller Situation mal mehr oder mal weniger vorhanden sind.

Schlussendlich spielt auch das Alter der Kinder keine unerhebliche Rolle in der neuen Familien-Konstellation: Säuglinge und Kleinkinder haben vor allem ihre Bezugsperson im Blick und stecken Trennungen somit gut weg – wenn sie bei ihrer Bezugsperson bleiben. Kindergartenkinder und Grundschüler brauchen hingegen Zeit, um die Trennung oder Scheidung der Eltern zu verkraften und einen neuen Partner zu akzeptieren. Teenager sind reifer und zeigen bereits ein Verständnis dafür, dass Beziehungen scheitern können. Ihnen fällt es jedoch schwerer, den neuen Partner eines Elternteils als Autorität anzuerkennen.

Stiefkind-lich behandeln: Vom respektvollen Umgang miteinander

Obwohl die vielen Patchwork-Konstellationen so unterschiedlich sind, haben sie dennoch eine Sache gemein: Es ist eine vollkommen neue Lebenssituation, die alle Familienmitglieder vor neue Herausforderungen stellt. Der Schlüssel zum Erfolg? Reden. Das betrifft alle Ebenen. Nicht nur die neuen Partner sollten sich untereinander einig sein, welche Regeln für alle in der Familie gültig sind. Auch das Gespräch mit den leiblichen Kindern über Wünsche, Ängste und Sorgen ist immens wichtig – und erfordert jede Menge Fingerspitzengefühl. Gleiches gilt für den Umgang und die Kommunikation mit den Stiefkindern. Gerade hier sind Vorsicht und Zurücknahme noch wichtiger.

Apropos Stiefkinder: Wer an Grimms Märchen denkt, hat gleich die böse Stiefmutter von Aschenputtel im Kopf oder Schneewittchens garstige Stiefmutter. Der Stiefeltern- und vor allem der Stiefmutter-Begriff ist also nicht gerade positiv belegt. Vielleicht ein Grund, diesen aus dem Wortschatz zu streichen? Als Alternative bietet sich das Wort „Bonus-Eltern“ an. Der Hintergedanke: Hier geht es weniger um den Ersatz für Vater oder Mutter, sondern viel eher um eine zusätzliche Bezugsperson.

Letzter Ausweg: Familien-Beratung?

Eine Familien-Beratung in Anspruch zu nehmen, muss nicht gleich der letzte Ausweg sein. Wie der Name schon andeutet, geht es um beratende Hilfestellung. Ähnlich wie bei anderen Entscheidungen dienen Beratungsgespräche ja zunächst einmal dazu, sich einen Überblick über die zur Verfügung stehenden Möglichkeiten zu verschaffen. Kurzum: Beraten lassen kann man sich schon bevor es ernst wird – und am besten natürlich bevor es zu spät ist.

Ansprechpartner für eine solche Familien-Beratung sind viele öffentliche und kirchliche Träger, zum Beispiel die Caritas oder die Diakonie. Ein Gespräch mit Freunden oder Bekannten hat nicht unbedingt einen solchen formellen Charakter, kann Eltern aber auch helfen, sich Frust oder Sorgen von der Seele zu reden. Egal wie: Kommunikation lautet das Zauberwort. Dann wird aus der bösen Hexe von Stiefmutter vielleicht doch irgendwann die gute Fee, die nachts den Taxi-Service zur Disco übernimmt.