Sei nicht nur mit dir selbst beschäftigt.

Generation Beziehungsunfähig

Ständig mit uns selbst beschäftigt, treiben uns Selbstoptimierung und Bindungsängste ins Single-Dasein. Aber Hauptsache, das Profilbild stimmt. Hat eine ganze Generation verlernt, wie man eine Beziehung führt?

Autor Michael Nast hat mit seinem Buch „Generation Beziehungsunfähig“ anscheinend einen Nerv getroffen. Der Bestseller stempelt eine ganze Generation als selbstverliebte Bindungsphobiker ab und die Betroffenen fühlen sich bestätigt: Endlich steht man nicht mehr allein da – geteiltes Leid ist halbes Leid. Die Diagnose wird zum Stigma und gleichzeitig zu einer Art Ausrede für die eigenen verkorksten Beziehungen. Warum sich also anstrengen, wenn deine Beziehungsunfähigkeit sowieso jede mögliche Partnerschaft sabotiert? Das Single-Leben scheint vorprogrammiert – nur noch du und dein Ego. Was ist also falsch mit uns? Oder haben wir das Lieben gar nicht verlernt?

Projekt „Ich“ – Selbstoptimierung als Lebensinhalt

Es wird optimiert, was das Zeug hält. Meine Generation ist Weltmeister darin, die eigene Persönlichkeit ständigen sogenannten „Verbesserungen“ zu unterziehen. Optimierung und Präsentation der eigenen Person hat für uns einen ganz anderen Stellenwert als für vorangegangene Generationen. Was nicht ins Konzept passt, wird aus dem Leben verbannt – es könnte einem ja auf dem Weg der freien Entfaltung zur Last werden. Das Projekt „Ich“ wird zur Dauerbaustelle, eine Fertigstellung nicht in Sicht.

Besonders die eigene Karriere ist zur Lebensaufgabe geworben. „Der Mittelpunkt des Lebens hat sich auf den beruflichen Erfolg verlagert, ganz unbemerkt.“, schreibt Michael Nast. Ein Job ist nicht mehr nur eine Einkommensquelle. Er wird zum Ausdruck und Teil deiner Persönlichkeit. Die strikte Trennung zwischen Arbeitsplatz und Privatleben wird damit aufgehoben. Als Lebenssinn nimmt dein Job jedoch so viel Zeit in Anspruch, dass kaum Zeit für andere Dinge bleibt.

Nebenbei ist der Trend zur Selbstdarstellung auf seinem Höhepunkt. Jeder möchte etwas Besonderes sein. Denn anscheinend ist für uns nichts schlimmer, als die unschätzbare Individualität zu verlieren. Im Internet und auf Social-Media-Plattformen wie Facebook oder Instagram vergleichen wir uns deshalb ständig. Man hat Angst zurückzubleiben, will genauso cool und genauso glücklich sein wie die Leute auf den gestellten Profilbildern – aber natürlich immer ein Stück besser. Doch chronischer Zeitmangel und die starre Fokussierung auf die eigene Person drängen unsere Mitmenschen ins Abseits, deklassieren Sie zur Nebensache: mit einschneidenden Folgen für das Beziehungsleben.

Zwanghafte Selbstoptimierung schadet der Beziehung

Dieser Wahn der Selbstoptimierung bietet keine gesunde Grundlage für eine Partnerschaft. Wo ist noch Platz für einen Partner, wenn dein Ego den ganzen Raum einnimmt? Eine Beziehung ist immer mit Kompromissen verbunden. Ein Geben und Nehmen, das nicht schwerfallen sollte, wenn man die andere Person wirklich mag oder sogar liebt. Ohne Eingeständnisse kommt irgendwann kein Dialog mehr zustande und die Partnerschaft zerbricht. Der Drang zur Selbstoptimierung führt dazu, dass jede Person, die gerade nicht perfekt ins Lebenskonzept passt, früher oder später fallen gelassen wird. Spielraum für eine Beziehung gibt es dann fast gar nicht mehr. Denn wer kann schon diesen Ansprüchen gerecht werden?

Besonders in Großstädten neigen die Leute dazu, bei kleineren Beziehungsproblemen die Bremse zu ziehen. Frei nach der Denke „Warum soll mich extra anstrengen, wenn ich noch andere Optionen habe“. Die schiere Anzahl an potenziellen Partnern führt dazu, dass die Menschen geneigt sind, weniger in die Beziehung zu investieren. Besonders in Berlin bekommst du das Gefühl, dass viele nur auf oberflächlichen Matratzensport aus sind. Sobald es dann aber ernster wird, geht es zur nächsten Spielwiese.

Doch natürlich bist du nicht gleich beziehungsunfähig, nur weil deine Karriere momentan Priorität hat oder du einen Hang zur Selbstdarstellung besitzt. Jedoch fördert ein zu starker Fokus auf den Job und das Ego eine gewisse Denkweise, die nicht förderlich für eine Partnerschaft ist. Schnell sagt man sich „Ich habe gerade überhaupt keine Zeit für eine Beziehung“ oder „Momentan muss ich erst einmal mit mir selbst klarkommen“. Zum einen verbaust du dir so viele Chancen, zum anderen manifestiert sich so eine Grundhaltung, die du nur schwer wieder loswirst.

Weniger Ego-Trip, mehr Liebe

Weniger „Ich“ und mehr „Wir“ wäre schon mal ein Anfang.

Bindungsangst: Mangelndes Selbstwertgefühl und die Angst vor Zurückweisung

Auf Instagram, Facebook und Co suchten wir jeden Tag nach neuem Input, neuen Leuten, neuer Bestätigung. Jedes noch so belanglose Bild wird kommentiert und ins Unermessliche gehyped. Das Smartphone lässt die digitale Kommunikation mit der Welt nie abbrechen. Doch wenn es darum geht, das Mädel oder den Typen im Café anzusprechen, fehlen uns plötzlich die Worte. Dabei würde ein lockeres „Hallo“ schon ausreichen; aber in unserer Fantasie malen wir uns bereits aus, was alles schiefgehen kann. Also lässt du es einfach bleiben – die Peinlichkeit erspart man sich lieber.

Jemanden auf der Straße nach einem Date zu fragen oder den finalen Schritt hin zur Beziehung zu machen, erfordert ein gesundes Maß an Selbstvertrauen. Doch die Angst vor Zurückweisung ist in der „Generation Beziehungsunfähig“ stets präsent. Woran liegt das? Häufig fängt es schon beim eigenen Körperbild an. Wann hast du das letzte Mal auf Instagram ein Bild gesehen, dass nicht offensichtlich retuschiert und in Szene gesetzt wurde? Jeder hat plötzlich eine makellose Haut, perfekte Kurven oder chillt an einem super-hippen Spot. Wir zeigen der Welt nur noch unsere besten Aufnahmen, und die Welt tut das gleiche. Das große Vergleichen beginnt. Der Maßstab: Perfektion. Wer dem willkürlichen Idealbild nicht entspricht – und das können nur die wenigsten – fühlt sich schnell unzulänglich.

Unsicherheit hat Tradition

Doch dieses Spiel ist ja nicht wirklich neu. Die Werbeindustrie diktiert schon seit Jahrzehnten, wie wir auszusehen haben, was wir tragen müssen und wie wir uns geben sollen – alles nur um Verkaufszahlen zu steigern. Der angesetzte, unrealistische Maßstab führt zum verzerrten Körperbild. Die Folge: Niemand ist mehr zufrieden mit sich. Das Fashion-Magazin Glamour führte 2014 eine Studie zu diesem Thema durch. Eintausend Frauen wurden gefragt, wie sie zu Ihrem Körper stehen. Das schockierende Resultat: 80% der Frauen waren unzufrieden mit ihrem Äußeren, 54 % sogar unglücklich. Kein Wunder also, dass viele Menschen Panik schieben, wenn es um das Thema Partnerschaft oder Dating geht. Die eigenen Komplexe drängen ständig die Frage auf: „Bin ich gut genug?“.

So bin ich wirklich – komm‘ klar damit!

Zurückweisung tut weh und das wird sich wohl auch niemals ändern. Deshalb sind wir so gut darin, den Moment der Entscheidung herauszuzögern. Der Schritt zur Beziehung erfordert eine Öffnung. Es geht nicht mehr darum, nur äußerlich zu gefallen. Es geht um etwas viel Fundamentaleres: deine Persönlichkeit. Die rosarote Brille ist mittlerweile verschwunden und die Welt besteht nicht mehr nur aus schillernden Regenbögen. Es wird Zeit, deinem Gegenüber zu zeigen, wie du wirklich bist – ohne Instagram-Filter und mit all deinen neurotischen Eigenarten. Der Seelen-Striptease lässt dich nackig zurück. Es ist raus! Die andere Person weiß, was du für sie empfindest, wie du tickst, welche Ängste dich plagen. Dieser Schritt ist unvermeidlich, macht dich jedoch auch verwundbar. Schließlich geht es hier nicht mehr um Oberflächlichkeiten, sondern um dich als Person. Deshalb erfordert die Situation viel Mut und Selbstvertrauen.

Doch genau da liegt der Hase im Pfeffer. Fragen schießen uns durch den Kopf, wie „Wird er mich auch noch mit meinen Eigenarten toll finden?“ oder „Bin ich interessant genug?“. Schon nagt der Zweifel an uns. Also zögerst du den Schritt zur Beziehung weiter hinaus, das Thema „Wo stehen wir eigentlich gerade?“ wird unter den Teppich gekehrt. Die Gefahr, verletzt zu werden sinkt, aber ebenso die Chance auf eine langfristige Beziehung. Niemand möchte zurückgewiesen werden. Das ist klar. Aber Ablehnung ist auch ein allgegenwärtiger Teil des Lebens. Deshalb ist es wichtig, dass wir lernen, wie man damit umgeht. Gestärktes Selbstvertrauen hilft Ängste zu überwinden und entscheidende Beziehungssituationen proaktiv anzupacken. Realisiere, was du wirklich bist: einzigartig und interessant.

Beziehungsunfähig? Das gibt’s doch überhaupt nicht!

Die Diagnose beziehungsunfähig ist jedoch ein Hirngespinst! Es ist eine zu einfache Antwort auf diverse Probleme, die einen vielschichtigen Bereich unseres Lebens durchdringen. Deshalb hat Michael Nasts Buch wohl auch so viel Anklang gefunden. Eben weil es erfreulich simpel ist, sich in eine Kategorie pressen zu lassen. So musst du dich nicht weiter mit dir selbst befassen, sondern kannst stets die Ausrede vorweisen „Ich bin doch eh beziehungsunfähig“.

Bindungsängste, mangelndes Selbstvertrauen und Ego-Probleme gab es allerdings schon immer – wir bilden hier keine sonderbare Ausnahme. Unsere Generation sieht sich jedoch mit einer nie dagewesenen Flut an Einflüssen, Möglichkeiten und Lebenskonzepten konfrontiert, die es nicht immer einfach macht, den für uns förderlichen Weg einzuschlagen. Diese Überforderung zeigt sich dann auch in der Art und Weise, wie wir Beziehungen angehen – nämlich oft als Teil unseres 5-Jahres-Plans. Zuerst müssen wir jedoch mit uns selbst im Reinen sein, Ängste überwinden, idiotische Maßstäbe ablegen. Wenn wir dann noch in der Lage sind, andere so zu lieben, wie uns selbst, gerät der Begriff „beziehungsunfähig“ so schnell in Vergessenheit, wie der letzte Instagram-Trend.