Gönn dir! Magazin: Viktoria, eure Abreise liegt jetzt drei Wochen zurück. Wo seid ihr im Moment?
Viktoria Müller: Gerade sitze ich auf einer Dachterrasse mit einem atemberaubenden Blick auf das Annapurna-Massiv im Himalaya. Wir sind mit unserem One-Way-Ticket nach Nepal gestartet, ein Land, das für uns beide schon lange ganz oben auf der Wunschliste stand. Nach ein paar intensiven Tagen in und um Kathmandu ging es direkt weiter auf den Annapurna Circuit, einen 14-tägigen Trek, der uns gleich zu Beginn unserer Reise ordentlich gefordert hat.
Gönn dir: Kein Spaziergang: Der höchste Punkt dieses Treks ist der Thorong La Pass mit 5.416 Metern, höher als das Everest-Basislager.
Müller: Genau. Und das Wetter meinte es nicht immer gut mit uns: Regen, Sturm, gesperrte Pässe, kalte (oder gar keine) Duschen, Minusgrade in den Unterkünften. Aber gerade das macht’s irgendwie aus: Dieses unbeschreibliche Gefühl, etwas so Anstrengendes und Entbehrungsreiches geschafft zu haben. Ein erster Vorgeschmack darauf, was passiert, wenn man die Komfortzone verlässt und sich voll aufs Abenteuer einlässt.

Viktoria Müller in Nepal – der ersten Etappe ihrer 1,5-jährigen Weltreise. Den Annapurna Circuit hat sie erfolgreich gemeistert. Foto: barefoot travelling
Jetzt entspannen wir ein paar Tage in Pokhara, idyllisch gelegen an einem großen See ca. 200 km westlich von Kathmandu; der Endpunkt unserer Trekking-Tour. Wir erkunden die Gegend mit dem Scooter, genießen das nepalesische Essen, treffen unsere Crew vom Thorong La Pass noch einmal wieder und tauchen danach mit einem ‘Homestay’ noch ein Stück tiefer ins lokale Leben ein.
Gönn dir: Wie hat dein Umfeld reagiert, als du erzählt hast, dass du auf dem Höhepunkt deiner Karriere kündigst und auf Weltreise gehst – eher mit Begeisterung oder mit Unverständnis?
Müller: Die meisten waren nicht überrascht. Wer uns kennt, weiß: Reisen ist einfach unser Ding. Wir verzichten gern auf das neueste Auto oder schicke Designermöbel, aber sicher nicht auf die Chance, neue Orte, Kulturen und Abenteuer zu erleben. Klar, wir haben beide tolle Jobs aufgegeben. Aber unser Umfeld weiß auch, dass Karriere nie das war, was uns definiert. Uns treibt die Neugier auf die Welt an und der Wunsch, das Leben ein bisschen anders zu denken.
In meiner Familie gab es anfangs viele Fragezeichen und wenig Verständnis für diesen Schritt abseits des klassischen Lebensmodells. Mit der Zeit hat sich das gelegt, und heute überwiegt die Akzeptanz – vielleicht sogar ein kleines bisschen Stolz für eine mutige Entscheidung.
Ich finde es auch völlig okay, dass nicht alle sofort begeistert mitfiebern. Am Ende zählt doch nur, dass jeder seinen eigenen Traum lebt – und genau das tun wir gerade.

Kleines Gepäck, große Vorfreude: Viktoria wenige Tage vor der Abreise – bereit, die eigenen vier Wände gegen die Welt zu tauschen. Foto: barefoot travelling
Gönn dir: Viele denken sich: „Ach, das würde ich auch gern machen – aber …“ Eine Weltreise bleibt oft ein unerfüllter Traum. Was hat dich dazu bewegt, aufzubrechen, während andere zögern?
Müller: Puh, gute Frage! Wir schätzen uns wirklich glücklich, dass wir den Traum einer Weltreise als Paar teilen – das ist sicher keine Selbstverständlichkeit. Ich habe riesigen Respekt vor allen, die sich solo auf so ein Abenteuer einlassen, besonders vor Frauen. Ich weiß nicht, ob ich alleine den Mut für eine so lange Reise durch so viele verschiedene Länder gehabt hätte.
Wir reisen nun seit fast elf Jahren gemeinsam um die Welt, bisher immer nur mit unseren 29 Urlaubstagen im Jahr. Das war uns einfach nicht mehr genug. Vor etwa zehn Jahren hat uns das Leben außerdem einen deutlichen Reminder geschickt, dass Gesundheit und die Möglichkeit zu reisen keine Selbstverständlichkeit sind. Solche Erfahrungen verändern die eigene Perspektive und Prioritäten langfristig.
Wir nehmen unsere Träume ernster als die Angst vor dem Ungewissen
Wir wollen später nicht auf ein Leben zurückblicken, in dem uns die Angst vor dem Ungewissen von unseren Träumen abgehalten hat. Den perfekten Moment für eine solche Reise gibt es ohnehin nie – wer darauf wartet, wartet wahrscheinlich ein Leben lang. Losziehen lässt uns am Ende wohl einfach die einfache Formel, dass wir unsere Träume ernster nehmen als die Angst vor dem Ungewissen.
Gönn dir: Wie viel von eurer Reise habt ihr schon geplant – und wie viel lasst ihr bewusst offen, um flexibel zu bleiben?
Müller: Wir haben zuerst eine ziemlich lange Bucket List an Ländern aufgestellt, die wir gerne bereisen wollten. Daraus ist dann eine grobe Route für etwa 18 Monate entstanden, bei der wir versucht haben, Reisezeiten und Klimazonen sinnvoll zu kombinieren.
Unterwegs wird sich natürlich einiges ändern – das gehört zum Abenteuer dazu. Vielleicht möchten wir mal länger an einem Ort bleiben, oder wir stoßen auf Visa-Hürden, Krankheiten, die uns ausbremsen oder andere unvorhersehbare Dinge, die uns zum Umplanen zwingen.
Konkreter geplant haben wir nur die ersten drei Länder und damit die ersten rund drei Monate. Hier sind schon einige Inlandsflüge, Zugverbindungen und Touren gebucht. Alles danach lassen wir bewusst offen und entscheiden lieber spontan unterwegs, wohin es uns als Nächstes zieht.

Manchmal kann ein Sonnenuntergang den Moment größer machen als die Zeit. Foto: barefoot travelling
Gönn dir: Wie finanziert ihr die Reise – aus Erspartem, durch Nebenjobs oder digitale Arbeit? Und was ist euch wichtiger: möglichst lange unterwegs zu sein oder lieber komfortabler?
Müller: Der Plan für diese Reise ist in den letzten drei bis vier Jahren konkreter geworden und entsprechend hatten wir genug Zeit, Ersparnisse aufzubauen. Das kam sowohl aus unseren Fulltime-Jobs als auch aus verschiedenen Nebenprojekten. Ich habe zum Beispiel eine Zeit lang Makramés geknüpft und verkauft – mein Hobby wurde zum kleinen Nebenverdienst.
Wie so oft im Leben: Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg
Bei uns ging am Anfang jedes Monats automatisch ein Betrag auf ein Gemeinschaftskonto mit dem klaren Ziel Weltreise. So blieb das Geld unangetastet und das Ziel greifbar.
Und wie so oft im Leben gilt: Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg. Wir haben in den letzten Jahren zwar nicht auf schöne Reisen verzichtet, aber bewusst auf vieles andere: materielle Dinge oder Alltagskonsum. Kein täglicher Coffee-to-go, seltener Essen gehen, keine großen Anschaffungen – über die Jahre summiert sich das ganz schön. Auch ein klassischer Flohmarktverkauf hilft doppelt: Man reduziert Ballast und füllt die Reisekasse.
Für unsere Reise haben wir ein konkretes Budget geplant, aus dem sich pro Land ein Tagesbudget ergibt. Damit bewegen wir uns im mittleren Preisbereich: also weder Schlafsaal noch Boutique-Hotel, sondern ein Mix aus Komfort und Vernunft, der uns ermöglicht, 18 Monate unterwegs zu sein, ohne auf grundlegende Dinge verzichten zu müssen.
Wenn sich unterwegs digitale Projekte ergeben, ist das natürlich ein toller Bonus für den wir mehr als offen sind, aber das Schöne ist, dass unsere Reise nicht davon abhängt, unterwegs Geld verdienen zu müssen. Diese Freiheit fühlt sich richtig gut an.
Gönn dir: Dein Finanztipp für unterwegs?
Müller: Wir tracken unsere Ausgaben per App, um das Budget im Blick zu behalten und es über die geplanten 18 Monate zu strecken. Wenn’s mal in einem Land etwas teurer wird, sparen wir an anderer Stelle wieder ein.
Und weil uns echte Erfahrungswerte bei der Planung selbst so geholfen haben, teilen wir nach jeder Destination eine transparente Kostenübersicht auf unseren Kanälen für alle, die selbst vom Abenteuer träumen.
Gönn dir: Apropos Kosten: Wie habt ihr eure Wohnung in Deutschland, Versicherungen und laufenden Verträge geregelt?
Müller: Wir haben uns zu Beginn des Jahres eine komplette Übersicht über unsere Verträge erstellt, Kündigungsfristen notiert und dann entschieden, was wir kündigen, pausieren oder behalten. Das Thema Versicherungen ist tatsächlich einer der komplizierten Punkte auf der To-do-Liste, denn hier gibt es keine pauschale Lösung. Jede Versicherung muss individuell geprüft werden: Manche bieten weiteren Schutz im Ausland, bei anderen lohnt sich die Kündigung.
Ein großer Glücksfall ist, dass wir unsere Berliner Altbauwohnung dank unseres reisebegeisterten Vermieters offiziell untervermieten dürfen. So konnten wir nicht nur einen Großteil der Möbel mitvermieten, sondern auch den größten Posten an Fixkosten in Deutschland abdecken.
Wir folgen einfach dieser inneren Stimme, die sagt: „Da draußen wartet noch so viel mehr“
Gönn dir: Worauf freust du dich am meisten – und was macht dich nervös, wenn du an die kommenden anderthalb Jahre eurer Reise denkst?
Müller: Raus aus dem Hamsterrad, weg vom Alltag und dem ständigen Funktionieren und hinein ins Leben. Die Welt erkunden, fremde Kulturen und neues Essen entdecken, Sonne tanken, jeden Tag ein kleines oder großes Abenteuer erleben, am Meer sein, die Komfortzone hinter sich lassen und Zeit haben, sich zu fragen, was man wirklich will – auf all das freue ich mich sehr.

Alles andere als Komfortzone: Thorong La Pass. Nach Tagen voller Anstrengung, Kälte und dünner Luft ist hier nichts mehr bequem. Der Moment? Unvergesslich. Foto: barefoot travelling
Das Schöne ist: Wir fliehen nicht vor unserem Leben in Berlin, sondern folgen einfach der inneren Stimme, die sagt: „Da draußen wartet noch so viel mehr!“
Natürlich liegt vor uns auch viel Ungewissheit und vermutlich so mancher Moment mit wenig Komfort. Ich bin gespannt, wie sehr das über eine so lange Zeit an den Kräften zehren wird. Neu wird auch, quasi 24/7 als Paar unterwegs zu sein. Da gilt es, Freiräume zu schaffen und rechtzeitig zu merken, wann’s mal zu viel wird.
Was mich etwas wehmütig macht, ist der Gedanke an Familie und Freunde, die wir für lange Zeit nicht sehen werden. Der Abschied war emotionaler, als wir erwartet hatten und die Vorstellung, Hochzeiten, Geburten oder andere besondere Momente aus der Ferne mitzuerleben, stimmt mich ein bisschen traurig. Aber gleichzeitig ist da dieses tiefe Gefühl von Dankbarkeit und Vorfreude auf all das, was vor uns liegt.
Gönn dir: Eine Weltreise besteht aus vielen Reisen, ein Erlebnis jagt das andere, ohne Pause. Wenn schon wieder ein Elefant die Straße kreuzt und man nicht einmal mehr zur Kamera greift: Wie bewahrt ihr euch das Staunen, wenn das Außergewöhnliche alltäglich wird?
Müller: Wir erinnern uns immer wieder gegenseitig daran, was für ein riesiges Privileg es ist, all das erleben zu dürfen: die Welt zu bereisen, einfach so, mit einem Pass, der uns Türen öffnet, ohne dass wir irgendetwas dafür getan hätten. Vielleicht ist es ja genau das, was uns so dankbar macht: dass das Außergewöhnliche Teil unseres Alltag wird. Wir versuchen, jeden Moment bewusst wahrzunehmen und die kleinen Begegnungen und Gesten genauso wie die großen Bucket-List-Momente zu genießen.
Voll und ganz im Jetzt zu sein hilft sicher beim Staunen, und klappt auf einer langen Reise hoffentlich viel besser als im klassischen Zwei-Wochen-Urlaub. Mit Blick auf die nächsten 18 Monate glaube ich, dass es ab einem bestimmten Moment keine andere Option gibt, als anzukommen, wo man gerade ist.
Und unsere Reiseroute? Ist ein wilder, bunter Mix aus Ländern und Kulturen. Deshalb kann ich mir ehrlich gesagt aktuell kaum vorstellen, dass wir überhaupt mal aus dem Staunen herauskommen.

Von einer Weltreise profitiert auch der Geschmackssinn – kulinarische Entdeckungen in Nepal. Foto: barefoot travelling
Gönn dir: Was wünschst du dir, wie du nach der Reise zurückkommst?
Müller: Hm, wir sind zum Glück nicht auf einem Selbstfindungstrip oder darauf aus, uns komplett neu zu erfinden. Ich hoffe einfach, dass wir gesund zurückkommen, mit einem Herzen voller unglaublicher Momente, Geschichten und vielleicht ein paar schräger Anekdoten, die wir nie vergessen werden. Reisen verändert einen, meistens auf gute, manchmal auf überraschende Art – genau darauf freue ich mich!
Gönn dir: Habt ihr schon eine Idee, wie es nach der Reise für euch weitergeht?
Müller: Über die Zeit danach machen wir uns gerade gar keine Gedanken und lassen alles einfach auf uns zukommen. Diese bewusste Offenheit für alles, was kommt, fühlt sich richtig befreiend an.
Gönn dir: Glauben wir sofort! Wir wünschen euch eine fantastische Reise und danken dir herzlich für das Gespräch.
Interview: Claudia Keller-Hoffmann. Visuelle Gestaltung: Jessica Klein.
Wer Viktoria auf ihrer Weltreise begleiten möchte: Auf YouTube und Instagram teilen sie und ihr Partner Christian Eindrücke und Geschichten von unterwegs.



Das ist so mutig und so cool! Ich wünsche den beiden eine Reise, die genau so ist, wie sie es sich selbst wünschen ❤️
am anfang, dachte ich spannendes thema, aber echt langer text. hätte aber noch länger sein können, ist echt interessant
Ja, sehr mutig, aber auch nicht blauäugig. Wie hoch habt Ihr euer Budget angesetzt , wie hoch sind eure Einnahmen aus der Vermietung. Welche Länder habt Ihr für den Anfang geplant? Wie hoch schätzt Ihr Risiken bezüglich Kriminalität ein? Auf jeden Fall wünsche ich Euch viel Erfolg!
Super interessanter Artikel. Da würde ich mich über eine Fortsetzung in ein paar Monaten freuen ♡
Hallo ihr Lieben,
danke für euer Feedback! Wir bleiben mit Viktoria und Christian in Kontakt, planen einen zweiten Artikel im Sommer 2026 und sind schon jetzt auf ihre Updates gespannt. Stellt hier bis dahin gerne Fragen, wenn ihr mögt, damit wir sie im Interview aufnehmen können!
Liebe Grüße
Claudi vom SPARWELT Team