Über knappen Wohnraum und hohe Mieten.

Panik, Wohnungssuche!

In Berlin gleicht die Suche nach bezahlbaren Wohnungen einem beschwerlichen Marathon. Doch was sind die Gründe? Und wo kann man eigentlich noch günstig leben?

Seit gestern ist meine Berliner WG auf der Suche nach einer neuen Mitbewohnerin. Keiner von uns hat wirklich Lust auf das bevorstehende WG-Casting mit dem immer gleichen Smalltalk – aber was sein muss, muss sein. Also verfasse ich ein paar kurze Zeilen zur gegenwärtigen Wohnsituation, lade den Text auf wg-gesucht.de hoch, und schon ist unser „gemütliches 12m²-Zimmer im Wedding“ für den Massenansturm freigegeben. Bereits nach zwei Minuten blinkt mein Smartphone: vier neue E-Mails. Am nächsten Morgen begrüßt mich mein Postfach schließlich mit einundsiebzig neuen Anfragen. Willkommen auf dem Berliner Wohnungsmarkt!

Knapper Wohnraum erschwert die Wohnungssuche

Das oben beschriebene Szenario ist mittlerweile der Standard in großen Städten. Besonders der Berliner Wohnungsmarkt ähnelt einer Lotterie. Denn immer mehr Menschen zieht es in die Hauptstadt. Auf ein Zimmer oder eine Wohnung kommen manchmal hunderte von Interessenten – die Wohnungssuche entwickelt sich zur Glücksache. Kurzum: Bei so vielen Menschen kann die Stadt gar nicht hinterherkommen mit dem Wohnungsbau. Und ein Abwärtstrend, der sogenannten „Landflucht“, ist bei Weitem nicht in Sicht.

Großstädte bieten ein vielfältiges Jobangebot und locken vor allem junge Leute mit einer aufregenden Kulturszene. Wer sich auf dem Land nie so richtig zugehörig gefühlt hat, findet in den Metropolen mit Sicherheit die passende Subkultur. Ebenso lockt ein breitgefächertes Bildungsangebot in Form von Universitäten, Hochschulen und privaten Institutionen.

Besonders für Menschen mit geringem Einkommen ist die Anzahl bezahlbarer Unterkünfte in den letzten Jahren jedoch deutlich zurückgegangen. Besonders im Stadtkern wird die Suche nach günstigem Wohnraum zur Zerreißprobe. Immer mehr Wohnungen werden saniert und anschließend teurer neuvermietet. Verbessert wird die Situation auch nicht durch die zunehmende Anzahl an Vermietern, die Eigenbedarf für das Mietobjekt anmelden oder sich dazu entscheiden, ihre Mietwohnungen in Eigentumswohnungen umzuwandeln.

Wohnungsräuber Airbnb

Vor zehn Jahren hat die Homesharing-Plattform Airbnb die Tourismusbranche revolutioniert. Plötzlich konntest du dein Zimmer oder deine gesamte Wohnung als Unterkunft für zahlende Gäste anbieten. Eine neue Geldquelle tat sich auf. Bis heute hat sich das Angebot auf Airbnb vervielfacht – mit einschneidenden Folgen für den Wohnungsmarkt. Anstatt das leerstehende Zimmer in der WG dauerhaft zu vermieten, werden lieber Airbnb-Gäste kurzfristig einquartiert: ein schneller Nebenverdienst.

Noch gravierender wird es, wenn ganze Wohnungen dauerhaft auf der Plattform angeboten und so dem Wohnungsmarkt entzogen werden. Zwar darf man in Berlin nur noch die Hälfte der eigenen Wohnung über Airbnb anbieten, jedoch werden längst nicht alle Wohnungen beim Bezirksamt entsprechend angemeldet. Jeroen Merchiers, Europachef von Airbnb spricht von einem einstelligen Prozentsatz an Registrierungen.

Warum sind die Mieten so hoch?

Die Situation in Berlin ist teilweise absurd: ein 8m²-Zimmer in Friedrichshain geht für schlappe 400€ über den Ladentisch. Ein weiteres Inserat bewirbt eine gemütliche 2-Raum-Wohnung im Trendbezirk Kreuzberg für „nur“ 1100€ (Kaltmiete). Da stellt sich mir die Frage, wer sich so etwas leisten kann. Besonders für Studenten und andere Geringverdiener wird es immer schwieriger eine bleibe zu finden. Doch warum sind die Mieten überhaupt so hoch?

Tipps für die Wohnungssuche

So leer findest du vor einer Besichtigung keinen Hauseingang vor

Knapper Wohnraum in angesagten Bezirken

Der Berliner Wohnungsmarkt wurde viel zu lange dem Prinzip von Angebot und Nachfrage überlassen, und seit einigen Jahren übersteigt die Nachfrage das Angebot um ein Vielfaches. Du möchtest in einem aufstrebenden Bezirk leben, mit hippen Kneipen, szenigen Clubs und einer lebendigen Straßenkultur? Klingt logisch, doch leider möchte das jeder. Dieser Überfluss an Interessenten öffnet Vermietern Tür und Tor, ihre Mieten deutlich und häufig ohne triftigen Grund zu erhöhen. Wer es sich leisten kann, bezahlt den unverhältnismäßigen Preis, alle anderen müssen zusehen, wo sie unterkommen. Leute mit geringerem Einkommen werden so an die Randbezirke gedrängt. Künstler, die das Viertel mitgestaltet und den Kiez durch ihre Kunst erst attraktiv gemacht haben, fallen nun der Gentrifizierung zum Opfer.

Ein weiterer Kostenfaktor: die vielen neuen Mietverträge und Sanierungsmaßnahmen treiben den Mietspiegel in die Höhe. Wer heute noch einen alten Mietvertrag besitzt, kann sich glücklich schätzen, denn so günstig wird Wohnen wahrscheinlich nie wieder. Sobald ein Hauptmieter wechselt, darf der Vermieter auch einem Untermieter einen neuen Vertrag aufsetzen. Dann wird es meist teuer, denn natürlich wird der Vermieter die Mietkosten erhöhen und an den heutigen Mietspiegel anpassen. Häufig werden früher oder später auch Sanierungsmaßnahmen für die beliebten Altbauwohnungen fällig. Die Kosten der Modernisierung werden dann auf die Mieter umverteilt.

Wohnungssuche nach der Mietpreisbremse

Seit dem 1. Juni 2015 gibt es eine gesetzliche Mietpreisbremse. Sie soll das Ansteigen der Mieten verhindern und den Mieter vor überteuerten Mietverträgen und aufgezwungenen Maklerkosten schützen. Bei Neuvermietung einer Wohnung darf die Miete nur noch zehn Prozent über dem ortsüblichen Vergleichswert liegen. Dieser Wert richtet sich nach dem aktuellen Mietspiegel. Wer auf Wohnungssuche ist, profitiert von der Regelung, bestehende Mietverträge bleiben jedoch unberührt.

Wo gibt es noch bezahlbare Wohnungen?

Grundsätzlich gilt für Berlin: Wohnungen in angesagten Bezirken sind teurer als eine vergleichbare Unterkunft in einem weniger hippen Kiez. Je näher du am Stadtkern wohnen möchtest, desto tiefer musst du auch in die Tasche greifen. Natürlich gibt es immer wieder Ausnahmen und Glücksgriffe, jedoch bezahlst du meistens mehr für eine „gute“ Lage. Die Frage ist, ob es dir unermesslich wichtig ist, im angesagtesten Kiez zu flanieren oder du dich auch mit „weniger“ zufriedengibst. Ein Blick auf folgende Bezirke lohnt sich:

Wedding/Gesundbrunnen

„Der Wedding kommt“, heißt es seit Jahren in Berlin. Ich habe mittlerweile drei Jahre im Wedding verbracht und fühle mich dort wohl. Der Arbeiterkiez im Nordwesten Berlins ist ein Schmelztiegel der Kulturen. Die Leute – häufig mit arabischen oder türkischen Wurzeln – sind rauer als im gentrifizierten Friedrichshain, aber meist freundlich und hilfsbereit. Es gibt viele Grünanlagen, einige interessante Cafés und die Anbindung durch öffentliche Verkehrsmittel an andere Bezirke ist hervorragend. Noch gibt es hier erschwingliche Wohnungen, doch ein Trend zu teureren Mietverträgen ist abzusehen.

Pankow

Pankow hat mittlerweile die höchste Rate an Zugezogenen in ganz Berlin. Viele Grünanlagen, ein familienfreundliches Umfeld und schöne Altbauwohnungen sprechen hierbei für sich. Wer es ruhig mag, ist dort gut aufgehoben.

Lichtenberg

Lichtenberg grenzt östlich an Friedrichshain und profitiert so von seiner Lage neben einem der angesagtesten Kieze Berlins. Jedoch wird der Unterschied schnell deutlich, je weiter man gen Osten fährt: die Späti-Dichte nimmt deutlich ab, Bio-Läden werden zur Seltenheit und die Architektur zeigt sich von ihrer pragmatischen Seite. „Entdecke deinen Kiez“ ist hier die Devise, denn auch in Lichtenberg gibt es nette Cafés und coole Kneipen. Nur wollen die erst gefunden werden.

Wohnungen in Berlin werden immer teurer

Horrende Mietpreise in Prenzlauer Berg, Mitte & Co

Wohnkonzepte – WG oder eigene Wohnung?

Eine eigene Wohnung ist ein teures Unterfangen: die Miete, die Kaution und die alleinige Verantwortung. Da ist es nicht verwunderlich, dass besonders jüngere Menschen das Leben in einer Wohngemeinschaft vorziehen. Die Miete ist günstiger, Anschaffungen werden preislich geteilt und du lernst ständig neue Leute kennen.

Aber natürlich ist nicht jeder für eine WG geeignet. Bist du bereit, Kompromisse einzugehen? Bist du tolerant anderen Verhaltensweisen gegenüber? Wie gehst du mit Konflikten um? Stört dich das Chaos anderer Menschen? Stell dir diese Fragen, bevor du dich zu einem der zahlreichen WG-Castings in Berlin erscheinst, dann kann eigentlich nichts mehr schiefgehen.

Doch eine passende WG ausfindig zu machen, ist mitunter genauso langwierig und nervenaufreibend, wie die Suche nach einer eigenen Wohnung. Natürlich helfen dir diverse Portale bei der Suche, wobei wg-gesucht.de die meisten Angebote bereithält. Alternativ kannst du auch bei immobilienscout24.de oder wg-suche.de fündig werden, selbst bei Facebook findet man schon einige Gruppen, die die Wohnungs- und WG-Suche erleichtern soll. Das Wichtigste aber ist das Anschreiben.

Optimiere dein WG-Anschreiben

Damit es auch klappt mit dem WG-Zimmer, solltest du deinen Bewerbungstext so ansprechend wie möglich gestalten. Oft entscheidet sich bereits nach den ersten Zeilen, ob du als Kandidat in Frage kommst oder eher nicht. Deine zukünftige WG möchte natürlich gerne wissen, wer du überhaupt bist. Schreib ihnen, warum du gerade auf Wohnungssuche bist, was dich als Person so ausmacht, ob du schon WG-Erfahrung mitbringst und wie du dir das Leben in der Gemeinschaft vorstellst. Hier noch ein paar Tipps, die deinem Text den nötigen Feinschliff geben.

  • Sei ehrlich, aber nicht zu ehrlich!
    Du hast einen Ordnungstick oder gehst jeden Morgen um 07 Uhr joggen? Gut zu wissen! Bleib einfach du selbst und stehe zu deiner Persönlichkeit. Niemand ist perfekt und das erwartet auch keiner. Wichtig ist, dass die Leute wissen, mit wem sie es zu tun haben. Ein langfristiges Zusammenleben beruht auf Ehrlichkeit. Aber natürlich musst du auch nicht sofort all deine Eigenarten preisgeben. Niemand muss wissen, wie du deine Socken sortierst.
  • Schreib locker!
    Mit einem entspannten Schreibstil lockerst du dein Anschreiben auf und vermittelst sympathische Gelassenheit. Niemand möchte sich durch eine Anfrage lesen, die wie ein Brief vom Finanzamt daherkommt. Versuche grundsätzlich auf Augenhöhe zu bleiben, aber Vorsicht: Formuliere nicht zu relaxed, sonst schwingt der erste Eindruck ins Gegenteil um.
  • Kurz und bündig, bitte!
    Bei der Masse an Anfragen sind die Leute froh, keine Romane lesen zu müssen. Fasse dich also kurz und erwähne nur das, was dein Gegenüber interessieren könnte. Lies dir das Inserat genau durch, mach dir Notizen und beantworte Fragen, die indirekt gestellt wurden. Verfasse kurze Absätze, in denen du Themen wie Job, Hobbys oder deine Persönlichkeit ansprichst. Aber auch hier ist es eine Gradwanderung: zu kurze Texte können natürlich auch Desinteresse versprühen. Du schaffst das schon!

Fazit: Wohnungssuche ist ein Ausdauerlauf
Die Suche nach einer neuen Bleibe ist selten mit Spaß verbunden. Ganz gleich, ob es sich um eine eigene Wohnung handelt oder ein Zimmer in einer Wohngemeinschaft. Es wird wahrscheinlich so einige Absagen hageln, die dich vermutlich demotivieren werden. Ausdauer wird belohnt: Wenn du ein paar Tipps beachtest, deine Prioritäten realistisch setzt und den Markt wachsam beobachtest, ist die Traumwohnung in greifbarer Nähe.