Einen Soja-Matcha-Latte bitte!

Wenn Unverträglichkeiten zum Trend werden

Ein gemütlicher Abend unter Freunden gerät zunehmend zum Spießroutenlauf. Denn was soll man noch kochen, wenn von den fünf eingeladenen Gästen gefühlt alle eine Lebensmittel-Allergie haben? Doch woher kommt dieses Phänomen eigentlich so plötzlich? Sind wir einfach wehleidig geworden und sprechen beim ersten Ziepen im Bauch gleich von einer Allergie? Oder gilt man schlichtweg als langweilig, wenn man im Restaurant nicht nach der Kellnerin ruft, um sich – wegen seiner Unverträglichkeit – die Liste mit den Allergenen bringen zu lassen?

Ernährung wird im 21. Jahrhundert zum Problemfall

An den Universitäten gibt es mittlerweile eigene Lehrstühle für die „Soziologie des Essens“. Wissenschaftler haben herausgefunden, dass es auf der einen Seite einen realen Anstieg echter Lebensmittelallergien gibt und auf der anderen Seite einen Anstieg der gefühlten Unverträglichkeiten. Die Diagnose lautet: Ernährungshypochonder. Allergien gegen Zucker zum Beispiel oder gegen Milch. Die wohl militanteste Gruppe sind junge Eltern, die ihren Neugeborenen Allergien gegen Milchprodukte bescheinigen und ihnen stattdessen Flüssigkeiten geben, die sie aus Getreide wie Quinoa gewinnen. In Belgien ist ein Baby sogar an seiner angeblichen Laktose-Intoleranz gestorben, weil es an Nährstoffmangel litt und dehydrierte. Wer tatsächlich an einer ärztlich bescheinigten Intoleranz leidet, fühlt sich ganz sicher von den Hypochondern angegriffen, die dafür sorgen, dass Unverträglichkeiten zuweilen sogar ins Lächerliche gezogen werden.

Eine wissenschaftliche Studie

Das Marktforschungsinstitut „Ears ans Eyes“ hat eine Studie zum Thema Lebensmittel-Unverträglichkeiten durchgeführt. Dabei kam heraus, dass 23% der Deutschen Lebensmittel meiden, weil sie bei sich eine Allergie vermuten – ohne eine ärztliche Bestätigung. Die meisten davon verzichten auf Lactose, 10% essen nur Lebensmittel ohne Fructose und 9% verzichten auf Gluten.

Welche Unverträglichkeiten gibt es?

Die Liste möglicher Unverträglichkeiten ist lang. Es gibt sogar Menschen, die auf Wasser allergisch reagieren. Das sind die häufigsten Nahrungsmittel Intoleranzen:

  1. Fructose-Intoleranz
    Die Unverträglichkeit gegenüber Fruchtzucker löst starke Bauchschmerzen, Blähungen und Durchfall aus. Der Einfachzucker kann im Körper nicht verwertet werden. Gestört sein kann entweder die Aufnahme oder die Verwertung der Fructose. Das Problem für die Betroffenen besteht darin, dass Fructose in sehr vielen Lebensmitteln enthalten ist, weil sie kostengünstiger ist als normaler Haushaltszucker. Für Allergiker gibt es keine Therapie – sie müssen lebenslang auf Fructose verzichten.
  2. Laktose-Intoleranz
    Von einer Laktose-Intoleranz sind in Deutschland etwa 15% der Menschen betroffen. Global – vor allem im asiatischen Raum – sind es sogar bis zu 70%. Bei einer Laktose-Intoleranz kann der sogenannte Zweifachzucker nicht verwertet werden im Körper. Er ist nicht in der Lage, Laktose zu verdauen, was zu schweren Magen-Darm-Erscheinungen führt. Die Laktose-Intoleranz kann angeboren sein oder sich im Laufe des Lebens entwickeln. Laktosefreie Produkte sind im Handel gesondert gekennzeichnet, was den Betroffenen die Ernährungsumstellung erheblich erleichtert.
  3. Histamin-Intoleranz
    Histamin ist in fast allen Lebensmitteln enthalten. Eine Allergie gegen diesen Eiweißstoff führt bei den Betroffenen zu Bauchschmerzen, Hautausschlag und Durchfall. Die Diagnose ist vergleichsweise schwer zu stellen und meist nur über das Ausschlussverfahren möglich. Über Blut- und Urintests können einige Anhaltspunkte gefunden werden. Einen klassischen Histamin-Intoleranz-Test gibt es dagegen nicht.
  4. Zöliakie
    Bei einer Zöliakie ist die Schleimhaut des Dünndarms chronisch entzündet – eine leider unheilbare Krankheit. Betroffene müssen auf Gluten verzichten, um nicht die klassischen Symptome wie Durchfall und Bauchschmerzen zu bekommen. Das allergieauslösende Gluten kommt beispielsweise im Weizen, im Dinkel, in Hafer, Roggen und Gerste vor. Eine solche Lebensmittel-Unverträglichkeit schränkt die Betroffenen entsprechend stark ein.
Ohne Milch

Laktose-Intoleranz: Hafermilch, Mandelmilch, Reismilch oder Sojamilch?

Unverträglichkeiten als Trend in der Werbebranche

Die Marketing-Abteilungen haben Unverträglichkeiten längst zum wirkungsvollen Instrument erklärt. Produkte ohne die entsprechenden Problem-Verursacher verkaufen sich ganz hervorragend. Supermärkte richten eigene Regal-Landschaften mit diesen Produkten ein, die gerne auch mal 30% mehr kosten als reguläre Produkte. Laktose- und glutenfreie Produkte sind beinahe schon zu einem Statussymbol geworden und Ausdruck eines modernen Lifestyles. Sie erzeugen ganz automatisch das gute Gefühl, sie seien gesund und steigern das Wohlbefinden. Selbst diejenigen, die keinen Bedarf an diesen besonderen Lebensmitteln haben, greifen gerne zu, weil sie es sich eben wert sind.

Sind Produkte frei von Gluten, Lactose & Co wirklich gesünder?

Unangetastet bleibt natürlich die Tatsache, dass Allergiker keine andere Wahl haben, als auf die regulären Produkte zu verzichten. Für sie hat das Sortiment einen hohen Nutzen. Aber wie sieht es mit denjenigen aus, die nur „gefühlt“ an einer Unverträglichkeit leiden, bei denen es also reine Kopfsache ist? Zum einen sind die Lebensmittel teurer als vergleichbare Produkte. Glutenfreie Nudeln kosten beispielsweise häufig das Doppelte oder Dreifache der „normalen“ Produkte. Außerdem schränken die abgespeckten Regale die Auswahl der Lebensmittel und damit auch die Ausgewogenheit der eigenen Ernährung unnötigerweise ein. „Frei von…“-Produkte sind zwar nicht pauschal ungesund, sie sind aber auch nicht gesünder als andere Lebensmittel.

Zucker-Intoleranz und Stevia: Ein Beispiel für die Ambivalenz von Ersatzprodukten

Zucker in seinem Ernährungsplan zu meiden oder tatsächlich an einer Intoleranz zu leiden, sind zwei verschiedene Dinge. Wer tatsächlich allergisch auf „Saccharose“ (aus bestimmten Pflanzen gewonnener Zucker) reagiert, der bekommt Blähungen, Bauchschmerzen, Schwindelattacken und sogar Depressionen. Den Betroffenen fehlt ein Enzym, das den Zucker im Körper spaltet. Bei einer Saccharose-Intoleranz vertragen die Betroffenen den normalen Haushaltszucker nicht mehr.

Eine Alternative ist Stevia – ein Süßstoff, der bis zu 450 Mal süßer ist als gewöhnlicher Zucker. Für Allergiker ist Stevia tatsächlich eine willkommene Alternative – für alle anderen nur ein Vorwand, sich gesund ernähren zu wollen. Denn auch wenn Stevia aus einer Pflanze gewonnen wird, wird es trotzdem chemisch verarbeitet und ist am Ende kein Naturprodukt mehr. Stevia hat einen deutlich bitteren Nachgeschmack, der dem von Lakritze ähnelt. Er ist daher nicht für alle Speisen geeignet. Viele Produkte, die mit Stevia gesüßt sind, enthalten große Mengen an Rohrzucker, um diesen Eigengeschmack zu überdecken und haben daher wesentlich höhere Nährwerte. Es ist wie überall: Wo Licht ist, existiert auch Schatten.

Glutenfrei leben

Glutenfreie Alternativen für Pasta, Pizza, Brot & Co können ganz schön teuer sein.

Symptome: Habe ich wirklich eine Unverträglichkeit?

Wer plötzlich nach dem Genuss spezieller Lebensmittel Symptome spürt, muss nicht zwangsläufig an einer echten Unverträglichkeit leiden. Es kann einfach auch eine partielle Überreizung sein, die sich wieder legt, sobald der Betroffene eine Weile auf diese Lebensmittel verzichtet. Wer über längere Zeit hinweg täglich drei Tafeln Schokolade isst, der muss sich einfach irgendwann übergeben. Eine Allergie ist das dann allerdings noch lange nicht.
Unverträglichkeit Symptome sind üblicherweise:

  • Magen-Darm-Probleme
  • Übelkeit
  • Durchfall
  • Kopfschmerzen
  • Müdigkeit
  • Herzrasen
  • Hautreaktionen
  • Schwellungen

Sie treten in ganz individueller Zusammensetzung auf und können sich im Laufe des Alters verstärken.

Was kann ich gegen meine Unverträglichkeit machen?

Wenn du diese Symptome bei dir wahrnimmst, dann solltest du unbedingt einen Arzt aufsuchen. Dieser kann in den meisten Fällen durch Tests sehr schnell ermitteln, ob es sich um eine Unverträglichkeit handelt oder nicht. Der Königsweg bei einer Intoleranz ist es immer, die Lebensmittel zu vermeiden, die Allergien auslösen. In Ausnahmefällen können auch – immer in Absprache mit dem Arzt – Tabletten helfen. Gegen eine Laktose-Intoleranz helfen beispielsweise Lactase-Tabletten aus der Drogerie. Diese kannst du nehmen, wenn du mal ausnahmsweise ein besonderes Essen genießen möchtest, das Lactose enthält. Das solltest du aber vorher immer mit deinem Arzt absprechen – gibt er grünes Licht, dann freu dich zum Geburtstag trotz Allergie auf eine Sahnetorte oder einen Kaffee mit einem großen Schluck Vollmilch.